Auf Augenhöhe

Angebote für Menschen mit Behinderung

Infos zum Standort
28.10.2021

Ein Blick in die Vergangenheit

Lesung ermöglicht Mitarbeitenden, Angehörigen und Klient*innen Einblick in das Buch „Es sollte doch alles besser werden – die Behindertenhilfe der Rummelsberger Diakonie 1945 – 1995“

Hilpoltstein – „Nachmittags ging es zum Schwimmen. War das herrlich.“ „Am Abend ging es lustig zu. Wir machten im Bad eine Wasserschlacht. Ein kaputter Kleidersack wurde zum Kleid. Es war recht schön. Schade, dass nicht jeder Tag so ist.“ „Der Abend war einfach schrecklich!!! Die Kinder waren fürchterlich. Keiner hat gehört. Ein Geschrei war. Um 8.00 waren sie endlich im Bett.“ Einige Monate sind vergangen, seit das Buch „Es sollte doch alles besser werden – die Behindertenhilfe der Rummelsberger Diakonie 1945 bis 1995“ erschienen ist. Dank gelockerter Corona-Beschränkungen konnte nun zum ersten Mal eine Lesung mit Musik am Auhof in Hilpoltstein stattfinden. Tobias Kilian, Schauspieler und seit einem Jahr als Quereinsteiger in Wohnbereich in Roth beschäftigt, las aus den im Buch veröffentlichten Übergabeprotokollen vor. Er las von schlechten Tagen, von Herausforderungen, von ungünstigen Bedingungen und von Überforderung, aber auch von Lichtblicken im Alltag, von Zuneigung und Verständnis. Das musikalische Programm, das für kurze Unterbrechungen in der anspruchsvollen Lesung sorgte, gestalteten mit ihm Hans Gungl und Reinhard Amberg, beides Bewohner des Wohnbereichs in Roth.

Den Blick in die Vergangenheit öffnen soll der Abend, der der Beginn einer Reihe von Veranstaltungen rund um das Thema „Geschichte der Behindertenhilfe“ sein wird, so Andreas Ammon, Leiter des Auhofs. „Wir wollen uns der Vergangenheit und den schwierigen Themen kompromisslos offen stellen und die Betroffenheit in den Blick nehmen.“ Gäste waren Mitarbeitende des Auhofs, aber auch Mitarbeitende aus anderen Einrichtungen, Klientinnen und Klienten und Angehörige der Mitarbeitenden. „Ich wünsche mir, dass wir noch weitere Veranstaltungen machen und dass noch viel mehr Menschen kommen“, so Tobias Kilian. „Es ist so wichtig, dass wir das nicht vergessen.“

Der erste Teil des Buches beleuchtet die Entstehung und Entwicklung der Arbeit am Auhof, am Wurzhof in Postbauer-Heng und im Wichernhaus in Altdorf bis in die 90er Jahre hinein. „Leider gibt es nur sehr wenige Akten aus dieser Zeit, so dass es nur ein unvollständiges Bild ist“, bedauert Ammon. In einem zweiten Teil geht es um das tägliche Leben am Auhof für die Klient*innen und für die Mitarbeitenden, wie es in Interviews und Tagebucheinträgen beschrieben wurde. Es wird der Frage nachgegangen, ob der Auhof eine „totale Institution“ war. „In einer totalen Institution zählt der einzelne Mensch wenig. Alle werden auf das Funktionieren einer Einheit, beispielsweise einer Wohngruppe, ausgerichtet“, erklärt der Einrichtungsleiter die Definition nach Erving Goffmann. Ein dritter Teil des Buchs befasst sich mit der nachgewiesenen kritischen Gabe von verschiedenen Medikamenten.

Das Wissen und die Erfahrungen an junge Mitarbeitende weiterzugeben: Das ist für Ammon das wichtigste Ziel des Buchs und der Veranstaltung. „Wer weiß, wie die Menschen in 20, 30 oder 40 Jahren unsere Arbeit von heute einschätzen.“

Nach der Lesung und den musikalischen Beiträgen, bei denen, so Ammon, die Bewohner*innen der damaligen Zeit symbolisch ihre Stimmen mit einbringen konnten, gab es die Möglichkeit, sich in kleinen Gruppen auszutauschen. Ein heilsamer Austausch, brachte er doch Mitarbeitende, die bereits seit damals am Auhof arbeiten oder erst in den letzten Jahren ins Team kamen, Klientinnen und Klienten, die schon seit der Eröffnung des Auhofs auf dem Gelände leben, Mitglieder des Vorstands der Rummelsberger Diakonie und Angehörige, die täglich von außen die zum Teil belastende Arbeit ihrer Partner*innen erleben, ins Gespräch. „Wenn man nicht dabei war, dann kann man ja leicht ein Urteil fällen“, so eine langjährige Mitarbeiterin. „Die Erwartung, bei der Gewalt, mit der wir täglich konfrontiert sind, immer ruhig zu bleiben, löst in mir eine Hilflosigkeit aus“, sagte ein anderer. Und: „Das macht mit mir viel. Ich habe mich immer bemüht, allen mit Liebe und Respekt zu begegnen.“ Ein Gast macht ihnen Mut: „Sie müssen nichts auf Ihre persönliche Kappe nehmen, was da nicht hingehört.“ Vorstandsmitglied Tobias Gaydoul unterstützt: „Es ist schwierig, über Zeiten zu urteilen, in denen man selbst nicht gelebt hat.“ „Mir stößt der Titel immer etwas auf“, sagt ein weiterer Gast. „Denn: Es ist doch besser geworden. Architektur, Pädagogik, Betreuungsschlüssel: Das hat sich beständig weiterentwickelt.“

Ein Bewohner erinnert sich: „Im Schlafsaal war es immer sehr laut. Wir waren viele.“ Dass eine individuelle Entwicklung lange Zeit auf Grund der Umstände kaum möglich war, das wird durch das Buch klar. Wie lange diese Art der Sozialisierung jedoch prägt, zeigt sich erst allmählich. „Als wir 2014 in die Außenwohngruppe umgezogen sind und alle ein eigenes Zimmer bekommen haben, da konnten einige den eigenen Bereich sehr genießen. Andere haben immer noch die Tendenz, sich lieber dort aufzuhalten, wo die Gruppe ist“, erzählt eine Mitarbeiterin in ihrer Kleingruppe.

Diakonin Elisabeth Peterhoff, Leiterin der Diakoninnengemeinschaft und Mitglied im Vorstand, baut eine Brücke in die Gegenwart: „Bei einem großen Dilemma ist kein Trennungsstrich zwischen früher und heute: Wenn Menschen überfordert sind, dann ist Gewalt nicht fern.“

„Wer die Vergangenheit nicht kennt, kann die Gegenwart nicht verstehen und die Zukunft nicht gestalten“, zitiert Andreas Ammon Helmut Kohl. „Ich bin stolz auf die Entwicklung und auf die Mitarbeitenden, aber wir können die Hände auch heute nicht in den Schoß legen. Das System macht an verschiedenen Stellen auch heute noch hilflos“, fasst er zusammen.  „Aus der Geschichte können und müssen wir lernen.“


Von: Diakonin Arnica Mühlendyck

Tobias Kilian, Schauspieler und Mitarbeiter am Auhof in Hilpoltstein, Außenwohngruppe Roth, las aus den Übergabebüchern der Jahre 1976 bis 1989 vor.

Gemeinsam mit Reinhard Amberg (Gesang) und Hans Gungl (Trommel), beides Bewohner der Außenwohngruppe in Roth, gestaltete Tobias Kilian den Abend auch musikalisch.

Im Anschluss an die Veranstaltung konnten sich die Teilnehmenden in mehreren Kleingruppen über das Gehörte austauschen.