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20.08.2018

Staatsregierung will Menschen mit Behinderung dezentraler versorgen

Interview in der Nürnberger Zeitung mit Karl Schulz, Vorstand Dienste

Rummelsberg – Menschen mit Behinderung leben in Bayern oft noch in großen, ländlich gelegenen Einrichtungen. Seit einigen Jahren gibt es jedoch einen Wandel hin zu dezentralen Wohn- und Arbeitsangeboten. Die bayerische Staatsregierung unterstützt nun diesen Prozess mit einem Sonderinvestitionsprogramm. Die beiden diakonischen Einrichtungsträger in Rummelsberg (Kreis Nürnberger Land) und Neuendettelsau (Kreis Ansbach) hatten dies erst vor kurzem so gefordert. Fragen an Karl Schulz, im Vorstand der Rummelsberger Diakonie zuständig für die sozialen Dienste.

NZ: Herr Schulz, was spricht für den Umbau der Angebotsstruktur bei der Versorgung behinderter Menschen?

Karl Schulz: Menschen mit Behinderung sollen an allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens teilhaben. Das gelingt dort besonders gut, wo sie in ihrem Lebensumfeld wohnen und arbeiten können oder Einrichtungen sich für die jeweilige Kommune öffnen. Wo Menschen mit und ohne Behinderung selbstbestimmt zusammenleben, kann Begegnung stattfinden. Viele Menschen wünschen sich solche inklusiven Wohnangebote. Gleichzeitig wird damit eine wesentliche Forderung der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen nach Teilhabe umgesetzt.

NZ: Für den sogenannten Konversionsprozess will der Freistaat in den kommenden 20 Jahren zusätzlich 400 Millionen Euro bereitstellen. Mit welchem Anteil kann die Rummelsberger Diakonie rechnen, und was ist damit möglich?

Schulz: Die Wohlfahrtsverbände in Bayern haben gemeinsam erhoben, dass für den Konversionsprozess etwa 1,5 Milliarden Euro benötigt werden. Setzt man eine Förderquote von 50 Prozent voraus, müssten rund 750 Millionen Euro vom Freistaat aufgebracht werden. Mit dem nun aufgelegten Sonderinvestitionsprogramm können nicht alle, jedoch viele Projekte, die die Träger schon lange geplant haben, umgesetzt werden. Damit erhalten die Träger Planungssicherheit und Menschen mit Behinderung eine zeitnahe Perspektive. Allein die Rummelsberger Diakonie benötigt rund 4O Millionen Euro. Das Sozialministerium will bis Mitte nächsten Jahres Details des Programms erarbeiten.

NZ: Sowohl der Umbau bisheriger Großeinrichtungen soll gefördert werden als auch der Neubau kleinerer Wohn- und Betreuungseinheiten. Wird die Rummelsberger Diakonie beides in Angriff nehmen?

Schulz: Die Rummelsberger Diakonie setzt beides seit über zehn Jahren um. Als einziger bayerischer Träger haben wir schon eine komplette Komplexeinrichtung aufgelöst. Im Landkreis Haßberge in Unterfranken haben wir für Menschen mit Behinderung, die in einem alten, nicht barrierefreien Schloss lebten, Wohngemeinschaften sowie Neubauten mitten in Ortschaften und Gemeinden mit guter Infrastruktur geschaffen. Dafür wurden wir 2016 mit dem unterfränkischen Inklusionspreis ausgezeichnet. Gleichzeitig entwickeln wir unsere großen Einrichtungen konzeptionell und baulich weiter im Sinne einer Öffnung und Barrierefreiheit. Nicht zuletzt auch deshalb, um die Vorgaben des Pflege- und Wohnqualitätsgesetzes zu erfüllen.

NZ: Erklären Sie doch anhand einer Einrichtung der Rummelsberger Diakonie, was mit dem Sonderinvestitionsprogramm geleistet werden kann.

Schulz: Der Auhof in Hilpoltstein ist eine unserer Großeinrichtungen für Menschen mit Behinderung mit Schulen, Wohn- und Arbeits- sowie Freizeitangeboten. Anfang der 1990er-Jahre lebten dort etwa 400 Menschen mit Behinderung. In den folgenden Jahren schufen wir immer mehr Wohnmöglichkeiten in ambulanten Wohngemeinschaften und entwickelten Wohn-, Arbeits- und Betreuungsangebote in den umliegenden Ortschaften. Inzwischen wohnen am Auhof noch rund 220 Menschen, etwa 180 Menschen leben in Wohngemeinschaften und Wohnungen im gesamten Landkreis Roth. Diesen Wandel können wir nun planungssicher und zeitnah fortsetzen und können außerdem auf die Vielfaltigen individuellen Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung mit einem breiten Spektrum an Wohn-, Unterstützungs- und Förderangeboten eingehen.

NZ: Geht damit die völlige Abkehr von großen Betreuungseinrichtungen für Menschen mit Behinderung einher, oder wird es diese auch in Zukunft geben?

Schulz: Stationäre Großeinrichtungen bieten Menschen mit schweren und multiplen Behinderungen, die sich sehr ungewöhnlich verhalten, zum Beispiel laut schreien oder sich entkleiden, Raum für freie Bewegung und Orientierung. Diese Einrichtungen, deren Angebote oft mehrere Lebensbereiche wie Arbeiten, Wohnen und Freizeitangebote umfassen, entwickeln wir konzeptionell weiter und öffnen sie. Der Auhof zum Beispiel soll ein inklusiver Stadtteil von Hilpoltstein werden, für alle Bürger. Neben unserem Erlebnisbauernhof für Familien soll es dort einen Kindergarten geben sowie Mietwohnungen im Sinne des Sozialen Wohnungsbaus. Zudem wollen wir zum Beispiel unsere Turnhalle für alle Hilpoltsteiner öffnen. Neben unserer originären Aufgabe in der Betreuung und Begleitung von Menschen mit Behinderung beschäftigen wir uns also intensiv mit Fragen der dörflichen und städtebaulichen Regionalentwicklung und Sozialraumgestaltung. Das ist eine große unternehmerische Herausforderung und das kann nur in enger Vernetzung mit den Kommunen, Kirchen und weiteren Kooperationspartnern gelingen.

NZ: Dass Menschen mit Behinderung in Zukunft verstärkt dort wohnen sollen, wo auch Menschen ohne Behinderung wohnen, hört sich gut und sinnvoll an – doch wo liegen die Grenzen der Dezentralisierung?

Schulz: Der Wohnraum ist knapp – das bekommen nicht nur Menschen mit Behinderung zu spüren. Zudem fehlt oft noch die nötige Infrastruktur, zum Beispiel barrierefreie Zugänge zu Häusern, Geschäften oder die Anbindung an den öffentlichen Personennahverkehr. Doch wir sollten nicht immer nur vom Geld und Investitionen sprechen. Neben physischen Barrieren müssen vor allem die Barrieren in den Köpfen beseitigt werden. Wie gelingt ein vorurteilsfreies Zusammenleben voller Respekt und Toleranz? Darüber gibt es keine ernsthafte und breite gesellschaftliche Debatte. Doch damit Teilhabe gelingt, braucht es nicht nur ein nebeneinander Wohnen, sondern ein miteinander Leben.  


Von: Stephan Sohr

20.08.2018

Staatsregierung will Menschen mit Behinderung dezentraler versorgen

Interview in der Nürnberger Zeitung mit Karl Schulz, Vorstand Dienste

Rummelsberg – Menschen mit Behinderung leben in Bayern oft noch in großen, ländlich gelegenen Einrichtungen. Seit einigen Jahren gibt es jedoch einen Wandel hin zu dezentralen Wohn- und Arbeitsangeboten. Die bayerische Staatsregierung unterstützt nun diesen Prozess mit einem Sonderinvestitionsprogramm. Die beiden diakonischen Einrichtungsträger in Rummelsberg (Kreis Nürnberger Land) und Neuendettelsau (Kreis Ansbach) hatten dies erst vor kurzem so gefordert. Fragen an Karl Schulz, im Vorstand der Rummelsberger Diakonie zuständig für die sozialen Dienste.

NZ: Herr Schulz, was spricht für den Umbau der Angebotsstruktur bei der Versorgung behinderter Menschen?

Karl Schulz: Menschen mit Behinderung sollen an allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens teilhaben. Das gelingt dort besonders gut, wo sie in ihrem Lebensumfeld wohnen und arbeiten können oder Einrichtungen sich für die jeweilige Kommune öffnen. Wo Menschen mit und ohne Behinderung selbstbestimmt zusammenleben, kann Begegnung stattfinden. Viele Menschen wünschen sich solche inklusiven Wohnangebote. Gleichzeitig wird damit eine wesentliche Forderung der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen nach Teilhabe umgesetzt.

NZ: Für den sogenannten Konversionsprozess will der Freistaat in den kommenden 20 Jahren zusätzlich 400 Millionen Euro bereitstellen. Mit welchem Anteil kann die Rummelsberger Diakonie rechnen, und was ist damit möglich?

Schulz: Die Wohlfahrtsverbände in Bayern haben gemeinsam erhoben, dass für den Konversionsprozess etwa 1,5 Milliarden Euro benötigt werden. Setzt man eine Förderquote von 50 Prozent voraus, müssten rund 750 Millionen Euro vom Freistaat aufgebracht werden. Mit dem nun aufgelegten Sonderinvestitionsprogramm können nicht alle, jedoch viele Projekte, die die Träger schon lange geplant haben, umgesetzt werden. Damit erhalten die Träger Planungssicherheit und Menschen mit Behinderung eine zeitnahe Perspektive. Allein die Rummelsberger Diakonie benötigt rund 4O Millionen Euro. Das Sozialministerium will bis Mitte nächsten Jahres Details des Programms erarbeiten.

NZ: Sowohl der Umbau bisheriger Großeinrichtungen soll gefördert werden als auch der Neubau kleinerer Wohn- und Betreuungseinheiten. Wird die Rummelsberger Diakonie beides in Angriff nehmen?

Schulz: Die Rummelsberger Diakonie setzt beides seit über zehn Jahren um. Als einziger bayerischer Träger haben wir schon eine komplette Komplexeinrichtung aufgelöst. Im Landkreis Haßberge in Unterfranken haben wir für Menschen mit Behinderung, die in einem alten, nicht barrierefreien Schloss lebten, Wohngemeinschaften sowie Neubauten mitten in Ortschaften und Gemeinden mit guter Infrastruktur geschaffen. Dafür wurden wir 2016 mit dem unterfränkischen Inklusionspreis ausgezeichnet. Gleichzeitig entwickeln wir unsere großen Einrichtungen konzeptionell und baulich weiter im Sinne einer Öffnung und Barrierefreiheit. Nicht zuletzt auch deshalb, um die Vorgaben des Pflege- und Wohnqualitätsgesetzes zu erfüllen.

NZ: Erklären Sie doch anhand einer Einrichtung der Rummelsberger Diakonie, was mit dem Sonderinvestitionsprogramm geleistet werden kann.

Schulz: Der Auhof in Hilpoltstein ist eine unserer Großeinrichtungen für Menschen mit Behinderung mit Schulen, Wohn- und Arbeits- sowie Freizeitangeboten. Anfang der 1990er-Jahre lebten dort etwa 400 Menschen mit Behinderung. In den folgenden Jahren schufen wir immer mehr Wohnmöglichkeiten in ambulanten Wohngemeinschaften und entwickelten Wohn-, Arbeits- und Betreuungsangebote in den umliegenden Ortschaften. Inzwischen wohnen am Auhof noch rund 220 Menschen, etwa 180 Menschen leben in Wohngemeinschaften und Wohnungen im gesamten Landkreis Roth. Diesen Wandel können wir nun planungssicher und zeitnah fortsetzen und können außerdem auf die Vielfaltigen individuellen Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung mit einem breiten Spektrum an Wohn-, Unterstützungs- und Förderangeboten eingehen.

NZ: Geht damit die völlige Abkehr von großen Betreuungseinrichtungen für Menschen mit Behinderung einher, oder wird es diese auch in Zukunft geben?

Schulz: Stationäre Großeinrichtungen bieten Menschen mit schweren und multiplen Behinderungen, die sich sehr ungewöhnlich verhalten, zum Beispiel laut schreien oder sich entkleiden, Raum für freie Bewegung und Orientierung. Diese Einrichtungen, deren Angebote oft mehrere Lebensbereiche wie Arbeiten, Wohnen und Freizeitangebote umfassen, entwickeln wir konzeptionell weiter und öffnen sie. Der Auhof zum Beispiel soll ein inklusiver Stadtteil von Hilpoltstein werden, für alle Bürger. Neben unserem Erlebnisbauernhof für Familien soll es dort einen Kindergarten geben sowie Mietwohnungen im Sinne des Sozialen Wohnungsbaus. Zudem wollen wir zum Beispiel unsere Turnhalle für alle Hilpoltsteiner öffnen. Neben unserer originären Aufgabe in der Betreuung und Begleitung von Menschen mit Behinderung beschäftigen wir uns also intensiv mit Fragen der dörflichen und städtebaulichen Regionalentwicklung und Sozialraumgestaltung. Das ist eine große unternehmerische Herausforderung und das kann nur in enger Vernetzung mit den Kommunen, Kirchen und weiteren Kooperationspartnern gelingen.

NZ: Dass Menschen mit Behinderung in Zukunft verstärkt dort wohnen sollen, wo auch Menschen ohne Behinderung wohnen, hört sich gut und sinnvoll an – doch wo liegen die Grenzen der Dezentralisierung?

Schulz: Der Wohnraum ist knapp – das bekommen nicht nur Menschen mit Behinderung zu spüren. Zudem fehlt oft noch die nötige Infrastruktur, zum Beispiel barrierefreie Zugänge zu Häusern, Geschäften oder die Anbindung an den öffentlichen Personennahverkehr. Doch wir sollten nicht immer nur vom Geld und Investitionen sprechen. Neben physischen Barrieren müssen vor allem die Barrieren in den Köpfen beseitigt werden. Wie gelingt ein vorurteilsfreies Zusammenleben voller Respekt und Toleranz? Darüber gibt es keine ernsthafte und breite gesellschaftliche Debatte. Doch damit Teilhabe gelingt, braucht es nicht nur ein nebeneinander Wohnen, sondern ein miteinander Leben.  


Von: Stephan Sohr