Auf Augenhöhe

Angebote für Menschen mit Behinderung

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25.10.2018

Inklusion: Es gibt nicht die eine Lösung

Jeder Mensch mit Behinderung versteht darunter etwas anderes

Altdorf bei Nürnberg/ Dresden – Familie Hofmann aus Dresden wünscht sich, dass Sohn Falk in ihrer Nähe lebt und arbeitet. Soll er doch einfach machen? Würde er gern, wenn er in seiner Heimat Sachsen ein entsprechendes Angebot wie im Landkreis Nürnberger Land hätte. Eine Geschichte über eine Familie mit starkem Willen und einen Menschen mit Behinderung, der jahrelang durchs Raster fiel und in dieser Frage heute wieder durchs Raster fällt.

Falk Hofmann ist 1971 geboren, in einem Land, das es heute nicht mehr gibt. Der Deutschen Demokratischen Republik (DDR). Seine Eltern, Ute und Horst Hofmann, haben sich von Anfang an dafür eingesetzt, dass ihr Sohn mit seiner körperlichen Behinderung ein selbstbestimmtes und gutes Leben führen kann. Sie tun das bis heute. Heute ist Falk Hofmann 47 Jahre alt. Wer ihm sagt, dass er jugendlich wirkt, erntet ein breites Grinsen. „Danke“, sagt er. Falk Hofmann hat große Fähigkeiten im grafischen und gestalterischen Bereich, die er seit Jahren in die Arbeit in den Wichernhaus-Werkstätten in Altdorf einbringt. Seine Hände benutzt er dabei nicht, sein Werkzeug ist der Mund. Damit gestaltet er Einladungskarten, Konzerttickets und Plakate.

Der Dresdner ist humorvoll und freundlich, ein Familienmensch, der sehr an seinen Eltern, der Schwester und den vier Nichten und Neffen hängt. Er weiß, was er will und was er nicht will. „Ich möchte gern in die Nähe meiner Familie nach Dresden ziehen“, sagt der 47-Jährige. Seit 1992 lebt er im Wichernhaus Altdorf. Genau so lange ist er in den Wichernhaus-Werkstätten beschäftigt, die nur einige Meter entfernt liegen. Trotz seiner Fähigkeiten hat er keine abgeschlossene Ausbildung – die Gründe sind vielfältig: Eine erste Ausbildung damals in der DDR endete mit den Umbrüchen der Wende. Später startete Falk Hofmann erneut mehrere Versuche, eine Ausbildung zu machen, die letztlich immer wieder daran scheiterten, dass die Lernumstände seinen Bedürfnissen nicht gerecht wurden.

Andere Perspektiven heute

„Heute wäre das ganz anders“, sagt Sabine Himmelseher, Case-Managerin (übersetzt etwa „Fall-Beraterin“) von Falk Hofmann, im Wichernhaus. „Heute hättest du einfach eine Ausbildung im Berufsbildungswerk (BBW) gemacht“, ist sie sich sicher. Schließlich hat sie selbst lange im BBW Rummelsberg gearbeitet. Die Bedingungen für eine gute Ausbildung haben sich für Menschen mit Behinderung im Vergleich zu früher sehr verbessert.

Generell hat sich viel verändert in den vergangenen Jahrzehnten: Menschen mit Behinderung fordern ihre Eigenständigkeit und Selbstbestimmung ein und die Gesellschaft und mit ihr die Politik bewegen sich endlich. Wenn auch nicht immer in dem Tempo und so, wie es beispielsweise Falk Hofmann lieb wäre. Ganz konkret spürt er das, wenn es um seinen Wunsch geht, nach Dresden zu ziehen. Beide Eltern gehen stark auf die 80 zu. Sie fahren in der Regel mindestens jedes zweite Wochenende zweimal mit dem Auto von Dresden nach Altdorf und zurück, um Falk übers Wochenende zu sich zu holen, mit ihm und der Familie Zeit zu verbringen und ihn wieder zurück ins Wichernhaus zu bringen.

Familie verhandelt seit Jahren

Dass das kräftezehrend ist, versteht sich. Dass das voraussichtlich in einigen Jahren nicht mehr in gleichem Umfang möglich sein wird, ist auch klar. Falk Hofmann versucht daher nicht erst seit gestern, sondern im Grunde seit mehr als zehn Jahren, in Dresden ähnlich gute Lebens- und Arbeitsbedingungen zu finden, wie er sie in Altdorf genießt. „Ich lebe gerne hier, ich kann alleine ins Zentrum fahren, einkaufen, ich arbeite gern in der Werkstatt. Nur dass meine Familie so weit weg ist, stört mich“, sagt er. Das Problem an seinem Wunsch: Es gibt derzeit in Dresden keine Wohneinrichtung mit Werkstatt, die den Bedürfnissen von Falk Hofmann entspräche. Seit mindestens vier Jahren verhandelt Familie Hofmann mit den Behörden, bisher ist keine Einigung in Sicht. So lange bleibt der Umzug ein Gedankenexperiment.

Da Falk ursprünglich aus Dresden stammt, sitzen die zuständigen Kostenträger in Sachsen. „Unser Schriftverkehr mit den Behörden füllt ganze Aktenordner. Ich zähle sie gar nicht mehr“, erzählt Horst Hofmann. Er hat begonnen, alles Schritt für Schritt zu digitalisieren für Falk. „Er ist ja total fit am Computer.“ Allerdings kostet es den 47-Jährigen weit mehr Zeit, eine Mail zu tippen, als die meisten Menschen. Die Finger des gebürtigen Dresdners sind nicht beweglich, er nutzt den Mund, um über einen Stab die Tasten zu bedienen. Mit ein Grund, warum sich bislang in erster Linie Horst Hofmann um die Schreiben der Behörden kümmert.

Falk Hofmann wünscht sich Verlässlichkeit, Planbarkeit, Sicherheit. So fasst es Sabine Himmelseher zusammen. Er nickt dazu. All das hat er im Wichernhaus Altdorf. „Es wäre perfekt, wenn das Wichernhaus, so wie es ist, in Dresden stehen würde, mit allen Mitarbeitenden, dem Umfeld, der Werkstatt...“, sagt er und grinst wieder. Er will über sich und sein Leben selbst bestimmen. Das schließt auch seinen Wunsch ein, in einer stationären Einrichtung für Menschen mit Behinderung zu leben, wo er einen kurzen Weg zur Werkstatt hat. Es ist auch nicht so, dass die Kostenträger in Sachsen das prinzipiell nicht respektieren würden.

Knackpunkt ist die Nachtbereitschaft

Das Problem ist komplexer. Case-Managerin Sabine Himmelseher erklärt es so: Prinzipiell gibt es mehrere Modelle, wie Menschen mit Behinderung selbstbestimmt leben können: zum Beispiel in einer Einrichtung wie dem Wichernhaus oder in einer selbst angemieteten Wohnung. Was die Menschen an Pflege benötigen, bekommen sie über die Pflegekasse bezahlt. Im ersten Fall stehen Pflegekräfte in der Einrichtung zur Verfügung, im zweiten Fall beispielsweise ein ambulanter Dienst. Knackpunkt bei Falk Hofmann ist bislang, dass er seiner Erfahrung nach eine 24-Stunden-Betreuung (Nachtbereitschaft) benötigt. Die würde ihm beispielsweise etwas aufheben, was ihm heruntergefallen ist oder ihn nachts beim Gang auf die Toilette unterstützen. Da er einen Rollstuhl nutzt, ist dieser Wunsch nachvollziehbar. Im Wichernhaus ist das möglich, da es eine stationäre Einrichtung mit Pflegepersonal vor Ort ist. Zöge Falk Hofmann aber in Dresden in eine eigene Mietwohnung, müsste er diese 24-Stunden-Betreuung erst mit dem zuständigen Kostenträger verhandeln.

Die Unterstützung bei Alltagstätigkeiten wie dem Tippen von E-Mails oder einem Besuch im Kino müsste sich Falk Hofmann bei dieser Variante mithilfe von persönlichen Assistentinnen und Assistenten organisieren. Sie werden – wenn die Leistung denn beantragt und schließlich bewilligt wird – ebenfalls vom Kostenträger finanziert. Aber davor schreckt Falk Hofmann bislang zurück – zu groß die Sorge vor dem bürokratische Aufwand, zu groß die Unsicherheit darüber, auf was für Menschen er treffen würde, zu groß die Sorge, finanziell und vom Lebensstandard her schlechter gestellt zu sein als bisher. Dazu kommt, dass barrierefreie und bezahlbare Wohnungen derzeit in Dresden etwa so schwer zu finden sind wie in Altdorf oder Nürnberg.

Bleibt die vage Hoffnung darauf, dass in einigen Jahren in Dresden eine neue Einrichtung mit barrierefreien Wohnungen errichtet wird. Dann könnte Falk Hofmann doch in die Nähe seiner Familie ziehen. Zu seinen Bedingungen.

Ob ihm noch etwas besonders wichtig ist, hier zu erwähnen? „Dass ich mich hier im Wichernhaus wohlfühle.“


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25.10.2018

Inklusion: Es gibt nicht die eine Lösung

Jeder Mensch mit Behinderung versteht darunter etwas anderes

Altdorf bei Nürnberg/ Dresden – Familie Hofmann aus Dresden wünscht sich, dass Sohn Falk in ihrer Nähe lebt und arbeitet. Soll er doch einfach machen? Würde er gern, wenn er in seiner Heimat Sachsen ein entsprechendes Angebot wie im Landkreis Nürnberger Land hätte. Eine Geschichte über eine Familie mit starkem Willen und einen Menschen mit Behinderung, der jahrelang durchs Raster fiel und in dieser Frage heute wieder durchs Raster fällt.

Falk Hofmann ist 1971 geboren, in einem Land, das es heute nicht mehr gibt. Der Deutschen Demokratischen Republik (DDR). Seine Eltern, Ute und Horst Hofmann, haben sich von Anfang an dafür eingesetzt, dass ihr Sohn mit seiner körperlichen Behinderung ein selbstbestimmtes und gutes Leben führen kann. Sie tun das bis heute. Heute ist Falk Hofmann 47 Jahre alt. Wer ihm sagt, dass er jugendlich wirkt, erntet ein breites Grinsen. „Danke“, sagt er. Falk Hofmann hat große Fähigkeiten im grafischen und gestalterischen Bereich, die er seit Jahren in die Arbeit in den Wichernhaus-Werkstätten in Altdorf einbringt. Seine Hände benutzt er dabei nicht, sein Werkzeug ist der Mund. Damit gestaltet er Einladungskarten, Konzerttickets und Plakate.

Der Dresdner ist humorvoll und freundlich, ein Familienmensch, der sehr an seinen Eltern, der Schwester und den vier Nichten und Neffen hängt. Er weiß, was er will und was er nicht will. „Ich möchte gern in die Nähe meiner Familie nach Dresden ziehen“, sagt der 47-Jährige. Seit 1992 lebt er im Wichernhaus Altdorf. Genau so lange ist er in den Wichernhaus-Werkstätten beschäftigt, die nur einige Meter entfernt liegen. Trotz seiner Fähigkeiten hat er keine abgeschlossene Ausbildung – die Gründe sind vielfältig: Eine erste Ausbildung damals in der DDR endete mit den Umbrüchen der Wende. Später startete Falk Hofmann erneut mehrere Versuche, eine Ausbildung zu machen, die letztlich immer wieder daran scheiterten, dass die Lernumstände seinen Bedürfnissen nicht gerecht wurden.

Andere Perspektiven heute

„Heute wäre das ganz anders“, sagt Sabine Himmelseher, Case-Managerin (übersetzt etwa „Fall-Beraterin“) von Falk Hofmann, im Wichernhaus. „Heute hättest du einfach eine Ausbildung im Berufsbildungswerk (BBW) gemacht“, ist sie sich sicher. Schließlich hat sie selbst lange im BBW Rummelsberg gearbeitet. Die Bedingungen für eine gute Ausbildung haben sich für Menschen mit Behinderung im Vergleich zu früher sehr verbessert.

Generell hat sich viel verändert in den vergangenen Jahrzehnten: Menschen mit Behinderung fordern ihre Eigenständigkeit und Selbstbestimmung ein und die Gesellschaft und mit ihr die Politik bewegen sich endlich. Wenn auch nicht immer in dem Tempo und so, wie es beispielsweise Falk Hofmann lieb wäre. Ganz konkret spürt er das, wenn es um seinen Wunsch geht, nach Dresden zu ziehen. Beide Eltern gehen stark auf die 80 zu. Sie fahren in der Regel mindestens jedes zweite Wochenende zweimal mit dem Auto von Dresden nach Altdorf und zurück, um Falk übers Wochenende zu sich zu holen, mit ihm und der Familie Zeit zu verbringen und ihn wieder zurück ins Wichernhaus zu bringen.

Familie verhandelt seit Jahren

Dass das kräftezehrend ist, versteht sich. Dass das voraussichtlich in einigen Jahren nicht mehr in gleichem Umfang möglich sein wird, ist auch klar. Falk Hofmann versucht daher nicht erst seit gestern, sondern im Grunde seit mehr als zehn Jahren, in Dresden ähnlich gute Lebens- und Arbeitsbedingungen zu finden, wie er sie in Altdorf genießt. „Ich lebe gerne hier, ich kann alleine ins Zentrum fahren, einkaufen, ich arbeite gern in der Werkstatt. Nur dass meine Familie so weit weg ist, stört mich“, sagt er. Das Problem an seinem Wunsch: Es gibt derzeit in Dresden keine Wohneinrichtung mit Werkstatt, die den Bedürfnissen von Falk Hofmann entspräche. Seit mindestens vier Jahren verhandelt Familie Hofmann mit den Behörden, bisher ist keine Einigung in Sicht. So lange bleibt der Umzug ein Gedankenexperiment.

Da Falk ursprünglich aus Dresden stammt, sitzen die zuständigen Kostenträger in Sachsen. „Unser Schriftverkehr mit den Behörden füllt ganze Aktenordner. Ich zähle sie gar nicht mehr“, erzählt Horst Hofmann. Er hat begonnen, alles Schritt für Schritt zu digitalisieren für Falk. „Er ist ja total fit am Computer.“ Allerdings kostet es den 47-Jährigen weit mehr Zeit, eine Mail zu tippen, als die meisten Menschen. Die Finger des gebürtigen Dresdners sind nicht beweglich, er nutzt den Mund, um über einen Stab die Tasten zu bedienen. Mit ein Grund, warum sich bislang in erster Linie Horst Hofmann um die Schreiben der Behörden kümmert.

Falk Hofmann wünscht sich Verlässlichkeit, Planbarkeit, Sicherheit. So fasst es Sabine Himmelseher zusammen. Er nickt dazu. All das hat er im Wichernhaus Altdorf. „Es wäre perfekt, wenn das Wichernhaus, so wie es ist, in Dresden stehen würde, mit allen Mitarbeitenden, dem Umfeld, der Werkstatt...“, sagt er und grinst wieder. Er will über sich und sein Leben selbst bestimmen. Das schließt auch seinen Wunsch ein, in einer stationären Einrichtung für Menschen mit Behinderung zu leben, wo er einen kurzen Weg zur Werkstatt hat. Es ist auch nicht so, dass die Kostenträger in Sachsen das prinzipiell nicht respektieren würden.

Knackpunkt ist die Nachtbereitschaft

Das Problem ist komplexer. Case-Managerin Sabine Himmelseher erklärt es so: Prinzipiell gibt es mehrere Modelle, wie Menschen mit Behinderung selbstbestimmt leben können: zum Beispiel in einer Einrichtung wie dem Wichernhaus oder in einer selbst angemieteten Wohnung. Was die Menschen an Pflege benötigen, bekommen sie über die Pflegekasse bezahlt. Im ersten Fall stehen Pflegekräfte in der Einrichtung zur Verfügung, im zweiten Fall beispielsweise ein ambulanter Dienst. Knackpunkt bei Falk Hofmann ist bislang, dass er seiner Erfahrung nach eine 24-Stunden-Betreuung (Nachtbereitschaft) benötigt. Die würde ihm beispielsweise etwas aufheben, was ihm heruntergefallen ist oder ihn nachts beim Gang auf die Toilette unterstützen. Da er einen Rollstuhl nutzt, ist dieser Wunsch nachvollziehbar. Im Wichernhaus ist das möglich, da es eine stationäre Einrichtung mit Pflegepersonal vor Ort ist. Zöge Falk Hofmann aber in Dresden in eine eigene Mietwohnung, müsste er diese 24-Stunden-Betreuung erst mit dem zuständigen Kostenträger verhandeln.

Die Unterstützung bei Alltagstätigkeiten wie dem Tippen von E-Mails oder einem Besuch im Kino müsste sich Falk Hofmann bei dieser Variante mithilfe von persönlichen Assistentinnen und Assistenten organisieren. Sie werden – wenn die Leistung denn beantragt und schließlich bewilligt wird – ebenfalls vom Kostenträger finanziert. Aber davor schreckt Falk Hofmann bislang zurück – zu groß die Sorge vor dem bürokratische Aufwand, zu groß die Unsicherheit darüber, auf was für Menschen er treffen würde, zu groß die Sorge, finanziell und vom Lebensstandard her schlechter gestellt zu sein als bisher. Dazu kommt, dass barrierefreie und bezahlbare Wohnungen derzeit in Dresden etwa so schwer zu finden sind wie in Altdorf oder Nürnberg.

Bleibt die vage Hoffnung darauf, dass in einigen Jahren in Dresden eine neue Einrichtung mit barrierefreien Wohnungen errichtet wird. Dann könnte Falk Hofmann doch in die Nähe seiner Familie ziehen. Zu seinen Bedingungen.

Ob ihm noch etwas besonders wichtig ist, hier zu erwähnen? „Dass ich mich hier im Wichernhaus wohlfühle.“


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