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17.03.2021

Jans Weg

Mit der Unterstützung der Mitarbeitenden am Auhof findet ein junger Mann den passenden Weg für sich

Hilpoltstein – Ein verschmitzter, fröhlicher und lustiger Zeitgenosse, der gerne lacht und bei seinem Gegenüber gerne Reaktionen hervorlockt. So könnte man ihn wohl treffend beschreiben – Jan, 24 Jahre alt und Autist. Sicherlich ist das noch nicht alles, was ihn ausmacht. Jan hat viele Kompetenzen. Gerade im hauswirtschaftlichen Bereich hat er bei seinem Vater, bei dem er lebte viel gelernt. Auch ist er räumlich gut orientiert. In der Vergangenheit war er mit seinem Bruder und seinem Vater sehr viel Wandern und gut in das soziale Umfeld der Familie eingebunden. Jan liebt feste Rituale und Abläufe. Diese geben ihm Sicherheit. Er kann sich verbal nur sehr eingeschränkt mitteilen, versteht aber Bildsprache sehr gut und wendet sie auch selbst an. Er hat ein Buch mit Bildern und Sätzen, die er wie auswendig zeigen kann. So kann er sich mitteilen und verständlich machen, was er möchte. Das ist seine Art der Kommunikation, die er versteht und beherrscht.

Anfang des Jahres 2020 ist dann überraschend der Vater von Jan verstorben. Eine sehr belastende Situation, die das Leben von Jan von einem auf den anderen Tag enorm veränderte. Jan zog zu seinem älteren Bruder in dessen kleine Studentenwohnung und dieser übernahm die Betreuung von Jan. Es kristallisierte sich jedoch schnell heraus, dass die Situation für keinen der Beiden tragbar ist. Wir befinden uns mittlerweile in der Corona-Pandemie und im ersten Lockdown mit strikten Kontaktbeschränkungen, was die Situation für Jan und seinen Bruder noch herausfordernder macht. Den Auhof erreicht schließlich diese dringende Aufnahmeanfrage und es wird eine unbürokratische „Notfallaufnahme“ im März 2020 ermöglicht, wenn gleich mit der Annahme, dass der Auhof nur eine Zwischenlösung für Jan ist und langfristig nach einer anderen Einrichtung gesucht werden soll.

Jan hat bis zu diesem Zeitpunkt stets im häuslichen Umfeld gelebt und kannte keine stationären Strukturen. Jan zog in eine unserer Außenwohngruppen, doch die Aufnahme gestaltete sich sehr schwierig. Es gab immer wieder Auseinandersetzungen und der Bruder musste Jan immer wieder abholen. Ein Einfügen in den Gruppenalltag funktionierte einfach nicht. Doch Aufgeben wollten alle Beteiligten auch nicht. Es wurden die entsprechenden Stellen am Auhof einbezogen und es wurde nach einer anderen Lösung gesucht. Jan zog in eine therapeutische Wohngruppe mit nur wenigen Mitbewohnern. Leider gab es auch hier für Jan keine Zukunft, es war nicht das Richtige. Es wurde ein weiterer Versuch unternommen. Enrico Christ, Wohnbereichsleiter zweier Wohnbereiche am Auhof und sein Team ermöglichten Jan nochmal eine weitere Perspektive. Doch auch hier stellte sich die Situation ähnlich dar, wie in den beiden vorherigen Wohngruppen. Jan kannte kein stationäres Wohnen und es fiel ihm sehr schwer, sich hier zu integrieren. Es gab immer wieder Auseinandersetzungen, vor allem mit den Mitbewohnern. Rund um Jan hat sich dann ein Unterstützerkreis gebildet. Mit ihm gemeinsam haben Kolleg*innen aus dem Wohnbereich, Gudrun Hoyer vom Fachdienst, Casemanagerin Francisca Schneider und Jans Bruder nach Möglichkeiten der Unterstützung für Jan gesucht: Welche Wohnform passt am besten zu ihm? Wie kann eine Umstellung für ihn möglichst leicht gelingen? Was braucht Jan, um gut im Wohnbereich leben zu können?

Alle Beteiligten steckten viel Arbeit und Mühe hinein, den jungen Mann zu verstehen und ihm zu helfen.

„Wenn wir wirklich gehört werden mit unseren Gefühlen und Bedürfnissen, ändern wir uns.“ (Marshall B. Rosenberg)

Auch wenn es ein harter und langer Weg war, die Mühe hat sich gelohnt. Das Zusammenspiel der Unterstützer hat hervorragend geklappt und Jan hat davon profitieren. Er ist mittlerweile gut im Wohnbereich eingebunden, übernimmt hier einige Aufgaben, erledigt Botengänge und besucht bei dieser Gelegenheit meist seine Case Managerin, um ihr freudig zu zeigen, was er gerade macht.

Jan empfindet klare Regeln im Wohnbereich als notwendig. Um dieses Bedürfnis zu befriedigen, haben die Kolleginnen und Kollegen im Wohnbereich diese Regeln für ihn visualisiert. Zum Beispiel durch ein Armband, das jeweils ein Mitarbeitender im Dienst trägt, der dann für Jan für diesen Zeitraum der Ansprechpartner ist.

All das gibt Jan Sicherheit und er hat mittlerweile verstanden, wie alles läuft und weiß es zu nutzen. Es wird noch weiter an entsprechenden Hilfen gearbeitet. Jan kann zum Beispiel auf mehr Möglichkeiten im Bereich der unterstützten Kommunikation zugreifen und erweitert so seine Fähigkeiten und seine Bandbreite.

Auch den Mitarbeiter*innen ist Jan mittlerweile sehr ans Herz gewachsen und sie möchten ihn nicht mehr missen. „Da kommt jemand, der nicht sozialisiert in einer Einrichtung aufgewachsen ist, von dem man was lernen kann und mit dem man gemeinsam etwas verändern kann. Das gibt der eigenen Arbeit einen besonderen Sinn und macht Spaß!“ (Hannah Bock, Mitarbeiterin im Wohnbereich).

Wir dürfen uns freuen, dass keiner im Prozess aufgegeben hat, wenngleich es nicht nach Erfolg ausgesehen hat, denn sonst wären wir um eine sehr bereichernde Erfahrung und einen bezaubernden Menschen ärmer.

Ob Jan tatsächlich noch eine andere Einrichtung braucht? Im Moment sieht es nicht danach aus!


Von: Jessica Kitzan

Jan genießt den Ausflug in den Freizeitpark. (Foto: Enrico Christ)