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25.11.2021

„Wir können den Klient*innen doch nicht in den Kopf schauen“

Im Interview erklärt Christoph Karwath-Päge vom Fachbereich Autismus, wie Unterstützte Kommunikation (UK) die Arbeitsbedingungen und das Miteinander verbessern kann.

Hersbruck – „Wir nehmen niemandem die Sprache, sondern wir geben ihnen ihre Sprache“: Das ist die zentrale Botschaft, die Christoph Karwath-Päge senden will. Im Interview erzählt der Fachdienst aus dem Fachbereich Autismus, wie Klient Christian W. aus dem Wohnangebot in Hersbruck seine Kommunikationsfähigkeiten in den vergangenen drei Jahren verbessert hat – dank der Unterstützten Kommunikation (UK).

Herr Karwath-Päge, Sie sagen, wir können anderen nicht in den Kopf schauen, damit meinen Sie, dass Menschen selbst sagen müssen, was sie denken. Korrekt?
Christoph-Karwath-Päge: Ja genauso sehe ich das. Wir können den Klient*innen doch nicht in den Kopf schauen, bedeutet folgendes: Ich kann einen Menschen sehr gut kennen und weiß trotzdem nicht, was er denkt. Das muss er mir sagen. Das gilt im Privaten beim Partner oder der Partnerin und im beruflichen Umfeld natürlich genauso.

Manchmal können sich Menschen aber nun einmal nicht ausdrücken, da ist es doch hilfreich, wenn Mitarbeiter*innen einen guten Draht haben und sich in die Klient*innen einfühlen können. Oder sehen Sie das anders?
Christoph-Karwath-Päge: Natürlich ist es wichtig, dass die Kolleg*innen auf die Klient*innen eingehen und einfühlsam sind. Aber es geht bei der Unterstützten Kommunikation darum, den Menschen eine selbstständige Kommunikation und somit Selbstwirksamkeit zu ermöglichen. Dann sind sie weniger von anderen abhängig, die nur ihr Verhalten interpretieren.

Erklären Sie Ihre Gedanken doch am Beispiel von Christian W. aus Hersbruck.
Christoph-Karwath-Päge: Christian W. ist 2017 nach Hersbruck in den Wohnbereich für Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung gezogen. Er konnte damals einige Wörter sagen, aber eine Unterhaltung war nicht möglich. Wir beschlossen, seine lautsprachlichen Ansätze zu fördern.

Wie geht das?
Christoph-Karwath-Päge: Kurz gesagt haben wir ihn zum Sprechen animiert. Beispielsweise mit einem Bilderlotto. Wir haben den Gegenstand auf den Bildkarten jedes Mal ausgesprochen und dann hat Christian W. ihn richtig abgelegt. Manchmal hat er das Wort auch wiederholt. Im Team haben wir uns zudem überlegt, welche Wörter dem Klienten wichtig sind, und diese Wörter haben wir im Alltag gefördert. Seit drei Jahren arbeiten wir im Bereich Sprache so intensiv mit Christian W. Anfangs hatten wir tatsächlich den Eindruck, er spreche weniger. Dann wurde es langsam immer mehr. Vor einem Jahr haben wir zudem begonnen, seine sozialen Kompetenzen zu fördern. Das hat irgendwann ineinandergegriffen und vor drei Monaten hat es bei ihm regelrecht einen Schalter umgelegt. Das hat sich positiv auf sein ganzes Leben ausgewirkt. Über Übergriffe von ihm auf andere müssen wir uns seitdem bei den Teambesprechungen nicht mehr unterhalten. Und letztens hat er mich begrüßt und gefragt, ob er mich anfassen dürfe. Durfte er und dann hat er sich bedankt und gelacht. Das war großartig.

Welcher Zusammenhang besteht denn zwischen Kommunikationsfähigkeit und übergriffigem Verhalten?
Christoph-Karwath-Päge: Das Gefühl kennt doch jeder: Wer mit dem Rücken an der Wand steht, der wehrt sich. Christian W. hat sich ohne Sprache oft unverstanden und somit ohnmächtig gefühlt. Heute kann er sich ausdrücken und er kann die Signale anderer Menschen deuten und zum Beispiel Distanz halten und so Ärger, Streit und Handgreiflichkeiten vermeiden.

Welche Förderziele gibt es noch für Christian W.?
Christoph-Karwath-Päge: Christian W. hat sich wirklich toll entwickelt. Er kann seine Wünsche formulieren und einfordern. Und er fängt an, sich zu unterhalten. Vergangene Woche kam er zu mir ins Büro und sagte: „Die Kaffeemaschine ist an.“ Einfach ein Satz, den man sagt, um mit anderen Kontakt aufzunehmen. Aber wer Christian W. nicht kennt, hat sicher Mühe, ihn zu verstehen, weil er undeutlich spricht. Wir überlegen gerade, eine Logopädin mit ins Boot zu nehmen. So kann der Klient an seiner Aussprache arbeiten. Dann wird er nicht nur im Wohnen verstanden, sondern auch wenn er in Hersbruck unterwegs ist.

Das Interview führte:

 


Von: Heike Reinhold

Christian W. übt mit Esther Hagel das Sprechen mit einem Bilderlotto. Foto: Christoph Karwath-Päge