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10 Jahre Beratungsstelle für Menschen mit Autismus

Nürnberg – Fragen zur Diagnose, zu Hilfsangeboten oder bei Problemen in verschiedenen Lebensbereichen, wie Arbeit, Schule oder auch in sozialen Beziehungen: Seit zehn Jahren berät das Autismus-Kompetenz-Zentrum Mittelfranken (AKM) Autisten, Angehörige und Fachleute rund um das Thema Autismus. Die Jubiläumsfeier findet am Freitag, 19. Mai 2017, ab 15 Uhr in der Cafeteria der WerkStadt der Lebenshilfe Nürnberg in der Fahrradstraße 54 statt. 

Nach Schätzungen des Bundesverbandes Autismus Deutschland leben sechs bis sieben Menschen pro 1.000 Einwohner mit einer Autismus-Spektrum-Störung (ASS) in Deutschland. Demzufolge leben hier geschätzt eine halbe Million Autisten. Menschen mit Autismus, aber auch deren Angehörige, in Mittelfranken berät und begleitet das Team des Autismus-Kompetenz-Zentrums Mittelfranken gGmbh mit Sitz in Nürnberg. „Im vergangenen Jahr haben wir 860 Menschen beraten“, berichtet Beraterin Rita Winter. Das sind 19 Prozent mehr als im Vorjahr.

Die meisten Ratsuchenden kommen zum Erstgespräch in die Beratungsstelle. Danach findet eine Vielzahl der Gespräche am Telefon statt. Wenn es nötig ist, machen die Beraterinnen auch Hausbesuche. Außerdem bieten sie Außensprechstunden an verschiedenen Orten in ganz Mittelfranken an. Die Themen sind breit gefächert. Häufig geht es um Probleme in der Schule oder auf der Arbeit. Aber auch im persönlichen Umfeld können Schwierigkeiten in Kommunikation und Beziehungsgestaltung zu einer Belastungssituation führen. Generell gilt: „Jedes Lebensthema kann unter dem Blickwinkel Autismus besondere Fragestellungen aufwerfen und Beratungs- und Unterstützungsbedarf zur Folge haben“, sagt Rita Winter.

Die Beratungsgespräche dauern oft sehr viel länger als eine Stunde und die Beraterinnen haben häufig mehrmals Kontakt zu den Klienten. Der Terminkalender der AKM-Mitarbeiterinnen ist voll. Aber die drei Sozialpädagoginnen schaffen es mit viel Einsatz und flexibler Arbeitszeitgestaltung, den Anfragenden zeitnah Beratungen anzubieten.

Seit Anfang an organisiert die Beratungsstelle auch Fachvorträge, Workshops und Weiterbildungsseminare durch externe Fachreferenten zu unterschiedlichsten Themen rund um Autismus. Dieses Angebot richtet sich sowohl Betroffene und Angehörige als an auch an Fachleute aus dem Netzwerk. „Ein großer Pluspunkt unserer Seminare ist, dass im Publikum Profis und Menschen, die mit Autismus leben, einander begegnen und in regen Austausch treten können“, hebt Rita Winter hervor. Daneben bieten die Sozialpädagoginnen Schulungen zum Thema Autismus und über das AKM in den Einrichtungen aus der Region an. 

Das AKM ist vor zehn Jahren auf Initiative des Vereins Autismus Mittelfranken entstanden. Der Verein ist neben der Diakonie Neuendettelsau, der Lebenshilfe Nürnberg e.V., den Rummelsberger Diensten für Menschen mit Behinderung gemeinnützige GmbH und der Stadtmission Nürnberg e.V. Träger der Beratungsstelle. „Wir waren die erste Beratungsstelle für Menschen mit Autismus in Bayern“, sagt Gründungsvorstand Armin Deierling. Im Verein Autismus Mittelfranken sind aktuell knapp 300 Betroffene, Familien mit autistischen Kindern sowie Fachleute und Förderer organisiert. Der Verein setzt sich dafür ein, dass sich die Lebensbedingungen für Menschen mit Autismus verbessern. 

Deierlings Sohn Jonas kam vor 30 Jahren mit einer Autismus-Spektrum-Störung zur Welt. „Damals gab es keine Beratung für Autisten“, erinnert sich der Vater. Also nahmen die Eltern die Dinge selbst in die Hand. Sie organisierten sich und auf diese Weise initiierten sie auch die Schule der Muschelkinder, eine Schule der Rummelsberger Diakonie für Kinder mit Autismus mit Sitz in Schwabach. 

„Wir haben damals Beratung im Wohnzimmer gemacht“, erinnert sich Armin Deierling, „wir hatten weinende Mütter am Telefon und Fachleute, die nicht mehr weiterwussten.“ Das sei auf Dauer zu viel geworden. So entstand die Idee, eine professionelle Anlaufstelle zu schaffen, die die Ratsuchenden auch nachhaltig begleiten konnte. 

Aus Sicht des heutigen Vereins-Vorsitzenden Stefan Bauerfeind ist das gelungen: „Das AKM hat sich sehr gut entwickelt und sich im Regierungsbezirk Mittelfranken als Anlauf- und Beratungsstelle für Angehörige und Betroffene in Sachen Autismus etabliert.“ Im Laufe der Jahre hat sich der Fokus der Arbeit verschoben. Denn die Kinder mit Autismus, um die sich die Gründungsmitglieder des Vereins vor allem gekümmert haben, sind längst erwachsenen geworden. „Immer mehr Erwachsene haben eine Autismus-Diagnose“, informiert Bauerfeind. Im Erwachsenenbereich sei die Infrastruktur für therapeutische und medizinische Versorgung leider noch sehr dürftig. „Das muss sich ändern“, fordert er. Auch die Beratungsstelle müsse personell aufgestockt werden, appelliert Bauerfeind an den Bezirk Mittelfranken, der die Sach- und Personalkosten für das AKM hauptsächlich trägt. 

Auch AKM-Geschäftsführerin Ingrid Schön macht deutlich: „Wir stoßen an unsere Grenzen. Wir brauchen mehr Beraterstunden und die Refinanzierung der Sachmittel muss verbessert werden.“ Das AKM müsse um eine halbe Fachkraft-Stelle aufgestockt werden, damit die Mitarbeiterinnen auch weiterhin ausführlich und ohne längere Wartezeiten beraten könnten. 

Experten zum Thema Autismus: Hans David vom Verein Autismus Mittelfranken (von links), die Beraterinnen Dagmar Heeg, Rita Winter und Yella Kroll vom Autismus-Kompetenz-Zentrum (AKM), Ingrid Schön (AKM-Geschäftsführerin) und Armin Deierling vom Verein Autismus Mittelfranken. Foto: Heike Reinhold